Update zum Wal in der Ostsee

Blick auf die Bucht vor Poel mit dem Wal, der gerade seine Fluke anhebt, und einem SUP mit drei Helfern.
Das erste Mal seit langer Zeit bewegte sich der Wal wieder. Screenshot: News5-Livestream

Dramatische Wende im Drama: Minister Backhaus hat einer neuen Rettungsaktion von Privatleuten zugestimmt – entgegen vorheriger Beteuerungen, man wolle den Wal in Ruhe sterben lassen. Der Minister nennt den neuen Versuch »minimalinvasiv«, was angesichts von Unterspülungen, Baggern und Pontons bezweifelt werden darf.

Finanziers dieser umfangreichen Aktion sind der MediaMarkt-Gründer Gunz und die Pferdebesitzerin Walter-Mommert. Sie berufen sich auf Stellungnahmen der anonymen Watchdog-Gruppe Stranded no more, die das Gutachten der bisher Verantwortlichen stark kritisiert hat. Aufgrund dieses Gutachtens war die Hilfe für den Wal eingestellt worden.

Neue Expertise fragwürdig

Gunz hat nach eigener Aussage eine »tolle Truppe« zusammengestellt, allerdings ist nicht klar, welche Expertise mit Meeressäugern die neuen Helfer*innen mitbringen. Einzig die Tierärztin Jenna Wallace, die extra aus Hawaii eingeflogen wird, ist bekannt für ihre Erfahrungen. Sie hat unter anderem als Whistleblowerin dafür gesorgt, dass das Miami Seaquarium wegen der unhaltbaren Zustände später geschlossen wurde.

Der Millionär selbst verweist in einem Interview darauf, dass die Anregung zur Aktion von einer Journalistin der Epoch Times aus den USA gekommen sei. Seitdem machen Gerüchte über eine rechte Unterwanderung des »Wal-Dramas« die Runde, denn das Blatt gilt als rechtspopulistisch und Verschwörungstheorien zugeneigt. Vor Ort und im Netz kursieren zahlreiche Unterstellungen gegenüber den bisher Verantwortlichen, unter anderem die, das Meeresmuseum Stralsund habe es einzig und allein auf das Skelett des Wals abgesehen.

Populisten stehen schon bereit

Die Kritik ist zum Teil in den üblichen Hass gegen »die da oben«, gegen die Unfähigkeit des Staates umgeschlagen. Selbst Tierärztin Jenna Wallace hat die Anschuldigungen übernommen und dem Meeresmuseum auf ihrem Instagram-Account ein »Fuck you« entgegengeschleudert.

Das zeigt einmal mehr: Alle Lücken in der Information, alle Brüche in der Konsistenz von Erzählungen spielen Populisten in die Hände. Die Offiziellen wären gut beraten, wenn sie ihre Kommunikationsstrategie an die moderne Medienwelt anpassen und ihre entsprechenden Abteilungen aufstocken würden. Spätestens, wenn klar wird, dass eine Emotionalisierungswelle auf Social Media in Gang kommt.

So liest sich etwa die Kritik von Stranded no more am offiziellen Gutachten sehr fachkundig, es folgte aber keinerlei Reaktion aus dem Beraterkreis von Minister Backhaus. Im Gegenteil, Kritik und Anregungen wurden offenbar als Verschwörungstheorie abgetan. Das nährt das Narrativ eines geschlossenen, allwissenden Zirkels, weshalb Stranded no more denn auch von einem Wissens-»Kartell« spricht.

Interessant ist hierbei, dass die Expertise des neuen Rettungsteams von den emotionalisierten Anhänger*innen ihrerseits nicht hinterfragt wird. Wichtig ist erstmal nur, dass »etwas getan« wird. Sei es, weil sie das langsame Sterben eines Wildtieres nicht ertragen können, sei es, weil Stranded no more die Hoffnungen auf eine Rettung wieder genährt hat.

Eines ist allerdings jetzt schon klar: Die neue Erzählung ist in alle Richtungen abgesichert, egal, wie die Rettung ausgeht. Einen Shitstorm wird es hier nicht geben, die Helfer*innen werden als Held*innen gefeiert werden. Mögliche Szenarien:

  1. Der Wal verstirbt während der Aktion – bedauerlich, aber man hat es wenigstens versucht. Millionär Gunz dazu: »Mehr als einmal sterben kann er nicht«.
  2. Der Wal wird tatsächlich gerettet und in der Nordsee freigelassen – Happy End, auch wenn man nie erfahren wird, ob er sofort danach wegen Erschöpfung ertrunken ist.

Es bleibt zu hoffen, dass das neue Team im Sinne des Tieres handelt und jegliche Ausbeutung für politische oder mediale Zwecke verhindert.

Update 17.04.

Die neuen Helfer*innen gehen offensichtlich bedacht und achtsam vor. Der Wal wird mit Tüchern gegen die Sonne abgedeckt sowie mit Salzlake und Zinksalbe behandelt. Das Team nähert sich in der Regel nur mit SUPs und Paddeln, kaum mit Motorbooten. In einer ersten Stellungnahme kritisierte die Tierärztin Janine Bahr-van Gemmert Aussagen, nach denen der Wal vor Poel »in Ruhe« sterben könne. In der Bucht herrsche keine Ruhe, es seien Schiffe unterwegs und das Tier werde durch Düsenjets gestört.

Den Gesundheitszustand des Wals schätzte sie als hoffnungsvoll ein und die Rettungsaktion als Chance, ihn aus seinem »Gefängnis« zu befreien. Das Tier hatte sich heute so stark bewegt wie in den letzten beiden Wochen nicht mehr. Bahr-van Gemmert gilt als engagierte Tierärztin, die auch Erfahrung mit Robben und Schweinswalen hat. Sie wies – wie zuvor auch Stranded no more – darauf hin, dass sich die Haut von Walen (wie auch die von Delfinen) komplett regenerieren kann, wenn das Wasser den richtigen Salzgehalt hat.

Die Rettungsaktion mit Pontons soll am morgigen Samstag starten und kann auf dem YouTube-Kanal von News5 im Dauer-Livestream verfolgt werden.

Update 20.04.

Nachdem der Wal sich heute Morgen aufgrund eines Wasseranstiegs freigeschwommen hat und in der Bucht vor Poel herumgeirrt ist, liegt er nun erneut am Ausgang der Bucht fest. Diese mittlerweile fünfte Strandung sorgt weiterhin für hitzige Diskussionen im Netz und in den Medien. Die Meinungen reichen von der vollständigen Rettung einerseits bis zur palliativen Versorgung andererseits, decken aber auch alle Zwischentöne ab.

Das neue Rettungsteam hatte wegen des Wetterwechsels am Abend zuvor seinen Plan A verworfen: den Transport mit Pontons. Stattdessen sollte der Wal heute – Plan B – mit Booten in die Fahrrinne geführt und so aus der flachen Bucht geleitet werden. Einmal mehr zeigte sich jedoch, dass der Wal nicht »leitbar« ist, ab morgen soll also wieder Plan A greifen.

Allerdings wirkt es so, als ob das Tier neue flache Stellen suche, um sicherer zu sein – entweder aus Erschöpfung und um sein Blasloch über Wasser zu halten. Oder aus Angst vor den Menschen, denn 1. war es durch die Arbeiten am Ponton ein weiteres Mal extremem Lärm ausgesetzt, 2. wurde es heute weniger »geleitet« als vielmehr von Booten durch die Kirchsee gehetzt und bedrängt.

Buckelwale sind nicht nur intelligente, sondern auch sensible und vermutlich altruistische Tiere, die  andere Wale und sogar andere Spezies vor Gefahren retten. Die Meeresbiologin Nan Hauser zum Beispiel ist überzeugt, dass ein Buckelwal sie vor einem Tigerhai beschützt hat: www.youtube.com/watch?v=OXNCCdcBhcY.

Es ist unwahrscheinlich, dass diese Tiere Lärm und Stress benötigen, um zu erkennen, dass ihnen geholfen werden soll. Wahrscheinlicher ist, dass sie Lärm und Stress als ebendies wahrnehmen und ihm zu entfliehen versuchen.

Meine Befürchtung ist mittlerweile, dass der Wal gerade zu Tode gerettet wird.

 


Weiterführende Informationen:

youtube.com/@News5de (Live-Stream von News5)

youtube.com/watch?v=ZMx3EkfaTAA (Interview mit Walter Gunz)

www.regierung-mv.de/Landesregierung/lm/Aktuell/?id=219073&processor=processor.sa.pressemitteilung (Gutachten zum Wal)

strandednomore.org/buckli-hopre-timmy-a-juvenile-humpback-in-germany (Stellungnahme zum Gutachten)

www.instagram.com/dr.jennawallace/p/DXJSE9EFUar/ (Account von Jenna Wallace)

segelreporter.com/panorama/stellungnahme-warum-britische-wal-retter-raten-timmy-sterben-zu-lassen/

scilogs.spektrum.de/meertext/update-buckelwal-strandung-in-der-wismar-bucht (Diskussion bei Spektrum der Wissenschaft)

www.geo.de/natur/tierwelt/drama-um-buckelwal--timmy---warum-der-neue-rettungsversuch-allen-schadet-37313784.html (Kommentar bei GEO)

fr.de/panorama/irrer-streit-verein-will-ostsee-wal-fuer-die-demokratie-sterben-lassen-94262932.html

focus.de/panorama/welt/buckelwal-vor-poel-gestrandet-das-wal-drama-wird-immer-grotesker_7e1b25c1-8d45-495b-b5a9-26bcd5d3efb3.html

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