Und plötzlich war es Sommer

Doppelstöckiges Regal mit Holzaufbau oben, darüber grünes Netzgewebe, das mit Stangen und Steinen beschwert wird.
Als Strandmatten verkauft, dient mir dieses Netzgewebe zur Schattierung der Jungpflanzen. Die Temperatur an der Mauer und die ganztägige Besonnung würde die Pflänzchen sonst verbrennen.

Im Mai sah es noch so aus, als würde 2023 mal wieder ein »normales Jahr« werden, mit Temperaturen, die der Jahreszeit »angemessen« sind. Die Arbeit draußen hat so richtig Spaß gemacht, denn es gab viel Sonnenschein bei frischer, kühler Luft – fast wie in den Bergen.

Seit der zweiten Juniwoche nun sind wir wieder im Hochsommer angekommen, die Temperaturen gehen stetig in Richtung 30 Grad. Das Jäten in den letzten Tagen glich eher einer Art unfreiwilligem Hot-Yoga, immer nahe am Hitzschlag. Auch der Starkregen gestern hat kaum Abkühlung gebracht. Im Gegenteil, die Gärtnerei dampft nun wie eine Sauna, wenn die Sonne herauskommt. Die Bremsen haben sich bei dieser Witterung prächtig vermehrt und lauern einem bevorzugt dann auf, wenn man gerade keine Hand frei hat, um sie zu erschlagen.

Doch Jammern hilft nicht: Der brusthohe Wildwuchs aus Gräsern und Stauden ist durch den Regen umgekippt, das erfordert vollen Einsatz. Nur wenige Tage lang werden die Wucherer sich gut aus der lehmigen Erde ziehen lassen, danach regiert wieder die Trockenheit. Überhaupt der Boden: Er scheint eine einzige Samenbank zu sein, denn schon 2020 – zum Start der Wildblümerey – habe ich wahre Berge von Beikraut an den Rändern gestapelt. Damit meine ich nicht die sogenannte Acker-Begleitflora, sondern Lästlinge wie Stumpfblättrigen Ampfer, Acker-Kratzdistel, Taube Trespe, Kriechenden Hahnenfuß, Quecke und horstbildende Gräser jeder Art.

Beikraut, Schnecken, nervige Tiere

Es ist gut, dass es diese Pflanzen gibt, aber bitte nicht in den Stauden-Beeten! Auch die Nacktschnecken dürfen gerne draußenbleiben, die Wühlmäuse sowieso, und der Maulwurf leider auch. Seit kurzem untergräbt er nämlich die Stellfläche für die Topfpflanzen, sodass hier mittlerweile eine Berg- und Talbahn entstanden ist. Jeden Tag kippen andere Töpfe um, und die Pflanze samt Erde fällt heraus und leidet in der Sommerhitze.

Ach, und weil wir gerade bei den Tieren sind: Die Krähen waschen mittlerweile keine Nüsse mehr in den Vogeltränken, sondern – Triggerwarnung – zerfetzte Küken, Knochen und Gedärme. Und das mehrmals am Tag. Neulich fand ich sogar ein ausgehöhltes Maulwurfsfell in einem der Miniteiche. In den Miniteichen, die eigentlich für Frösche und Molche gedacht waren! Auch die Spatzenbande vom Engelingshof (rund 30 Piepmätze) nimmt hier gerne mal ein Bad.

Meine Geduld ist dadurch mittlerweile ausgereizt, auch wenn all die Pflanzen und Tiere nur ihrer Natur folgen. Aber eine bakteriell verseuchte Vogeltränke, die auch andere Tiere krankmachen würde, kann ich nicht hinnehmen. Jeden Tag muss ich mir also neue Lösungen ausdenken, obwohl meine Zeit doch arg begrenzt ist. Und einen Miniteich in einen Hochsicherheitstrakt zu verwandeln, war nicht gerade meine Vorstellung von einer malerischen kleinen Wasserstelle.

Miniteich mit Algen

Der »Bade-Teich« hat mittlerweile Fadenalgen bekommen, obwohl es lange Zeit sehr gut aussah. Das Wasser ist nach wie vor relativ klar, aber es fehlt einfach noch die Beschattung. So muss ich regelmäßig den kleinen Schwimmfarn und das Hornblatt von den Algen befreien, was einer Sisyphusarbeit gleicht. Das Hornblatt scheint unter dem Bewuchs zu leiden und verliert Nadeln, was sehr ungünstig ist, da es ja das Wasser reinigen soll. In Garten-Foren ist allerdings zu lesen, dass es etwas Geduld braucht, weil sich die Mikroflora im Teich immer erst einpendeln muss.

Am zweiten Miniteich hatten sich schon Libellen eingefunden, Azurjungfern, die offenbar mit der Paarung beschäftigt waren. Welche Freude! Doch genau am selben Tag entdeckten die Krähen die eingebauten Flachwasser-Schalen und benutzten sie als Spülbecken für ihre Beute. Ich musste diese Zone also erst einmal »sperren« und die Pflanzen herausnehmen. Seitdem sind die Libellen nicht mehr aufgetaucht.

Torffreie Erde und Sommerhitze

Viel Energie und Zeit ist in den letzten Wochen auch in die Pflege der Jung- und Topfpflanzen geflossen. Sie leiden stark unter der Trockenheit, und ich müsste an heißen Tagen eigentlich zweimal gießen. Ich gehe davon aus, dass es am Substrat liegt, denn erstmals verwende ich nur gekaufte Pflanzerde und keinen Mutterboden mehr wie früher bei den Aussaaten. Dadurch habe ich zwar die Unkrautsamen ausgeschlossen, aber gleichzeitig auf die enorme Wasserhaltefähigkeit des hiesigen Lehmbodens verzichtet.

Jetzt rinnt das Gießwasser hindurch, obwohl ich Bentonit untergemischt habe und das torffreie Substrat einen gewissen Kompost-Anteil hat. Aber offenbar reicht das noch nicht, wie auch in Fachartikeln zu lesen ist. Bei torffreier Erde muss einfach mehr gegossen werden. In Gewächshäusern mag das noch leistbar sein, aber im Freiland, bei zwölf Stunden Sonne und starkem Wind…?

Bewässerungsvlies als Lösung?

Das Gießen mit Leitungswasser zieht außerdem andere Probleme nach sich, denn durch den Kalk-Gehalt erhöht sich der pH-Wert im Substrat und die Nährstoffe sind für die Pflanze nicht mehr so gut verfügbar. Die torffreie Erde selbst durchläuft durch ihren hohen Kompost- und Holzfaseranteil außerdem einen stärkeren Umbauprozess als Torferde. Die Mikroorganismen verbrauchen dabei Stickstoff, der wiederum den Pflanzen fehlt. Es muss also auch mehr gedüngt werden. Entweder mit Depotdünger beim Topfen oder mit einer stetigen flüssigen Nachdüngung.

Als schnelle Lösung bei der Hitze habe ich vor zwei Wochen einen Satz Quickpot-Untersetzer und ein großes Bewässerungsvlies gekauft. Die Untersetzer dienen mit den zugeschnittenen Vlies-Teilen nun sowohl für die Anzucht-Platten als auch für die Jungpflanzen. Durch die Kapillar-Wirkung der Matten kann das Gießintervall etwas gestreckt werden, weil im Untersetzer noch Wasser steht und die Pflanzen sich selbständig bedienen. Das Gießen von unten regt außerdem die Wurzeln zum Wachstum nach unten an. Auch Pflanzenstärkung und Dünger bringe ich jetzt über die Untersetzer ein.

Trotzdem hat diese Sache einen Haken, denn – der Himmel weiß, warum – die Hersteller produzieren sowohl Anzucht-Platten als auch Untersetzer in reinstem Schwarz. Das sorgt im Freiland natürlich dafür, dass die Topferde sich extrem aufheizt und die kleinen Pflanzenwurzeln sehr zu kämpfen haben. Deshalb bekommen Keimlinge und Jungpflanzen bei starkem Sonnenschein eine Schattierung, sie würden sonst regelrecht gebacken oder verkocht. Einige Verluste hat es deswegen auch schon gegeben.

Das Konzept auf dem Prüfstand

Das klingt nach einem Rattenschwanz von Maßnahmen, den die Anzucht im Freiland nach sich zieht, und das ist es auch. Plastikplatten, Gießwasser, Schattierung, Gewächshausfolie – das Konzept der Wildblümerey ist eigentlich ein anderes (gewesen). Doch die Realität hat spätestens 2022 in Form von Nacktschnecken gnadenlos zugeschlagen: Nur wenige Pflanzen überleben derzeit die Keimung in den Mutterpflanzen-Beeten, der Schneckenbefall ist auch 2023 unbeschreiblich.

Nach dem Starkregen habe ich, zu meinem Entsetzen, sogar im Anzuchtregal jede Menge fette Exemplare gefunden: Unter den Topfplatten auf dem nassen Vlies hingen sie ihren feuchten Träumen nach. Sie müssen an der nassen Mauer hochgekrochen und dann in die Untersetzer übergewechselt sein. Das hat es bisher noch nie gegeben, weil es eben keine Untersetzer gab, die – wegen Platzmangel – die Wand berührt haben.

Für die Gärtnerin bedeutet das, mit den immer gleichen Arbeiten immer wieder von vorn beginnen, für die immer gleichen Probleme immer wieder neue Lösungen finden zu müssen. Das ist zermürbend, denn der Zauber des Gärtnerns tritt dadurch ziemlich in den Hintergrund. Doch wenn die ökologische Balance auf einer Fläche nicht stimmt, sind alle Einzelmaßnahmen eben nur Stückwerk.

Zum Glück gibt es auch schöne Seiten

Trotz allem gibt es sie natürlich, die schönen und überraschenden Momente: Wenn eine neue Art, im letzten Jahr ausgesät und dann vergessen, plötzlich zwischen dichtem Beikraut zur Blüte kommt. Wenn Spatzen und Stieglitze sich ein Stelldichein geben. Wenn die erste Großlibelle den Miniteich inspiziert.

Gerade der Zulauf (bzw. Zuflug) von Tieren zeigt, dass es ganz einfach sein kann mit dem kleinen Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt. Man pflanzt einen Lippenblütler, ein paar Minuten später sind die Insekten da, und im Gefolge kommen die Vögel. Man stellt eine Wasserschale auf, und bald schon finden sich illustre Gäste ein – mit oder ohne Fell, mit Stacheln oder Flügeln, mit zwei, vier oder noch mehr Beinen.

Eine besondere Freude ist es mir, dass so viele nette Kundinnen und Kunden in die Wildblümerey kommen. Sie alle wollen ihren Garten tierfreundlich gestalten und bedauern den Rückgang der Artenvielfalt. Das gibt dann wieder Motivation auch für die unliebsamen Arbeiten.

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