Tropische Temperaturen, und alles wuchert

Hummel fliegt in die Blüte eines Roten Fingerhutes.
Im Juni steht der Fingerhut in voller Blüte und zieht viele Hummeln an. Hier mit Pollenhöschen am Hinterbein.

Auch im Juni haben sich die Wetterkapriolen fortgesetzt, von Starkregen bis zu Temperaturen zwischen 18 und 33 Grad war alles dabei. In der Wildblümerey hat die hohe Luftfeuchtigkeit dazu geführt, dass die Pflanzen förmlich gewuchert sind und gegen Ende des Monats dann auseinanderfielen. Auch Spaziergängerinnen und Gärtnerinnen aus der Nachbarschaft haben dieses unbändige Wachstum bestätigt. So muss ich nun leider viele Stängel zurückschneiden, um überhaupt noch die Wege begehen zu können. Die Alternative wären mindestens hundert Stäbe und viele Stunden Arbeit, um die Pflanzen anzubinden.

Überhaupt sind die unerwarteten Notwendigkeiten immer wieder eine (unangenehme) Überraschung für mich als »Gartenlehrling«. Angefangen damit, dass sich die Arbeit nach dem Wetter richten muss und keine Rücksicht auf persönliche Vorlieben nehmen kann. Meine Tages- und Wochenpläne werfe ich regelmäßig um, weil Regen oder Hitze angesagt sind. Mähen z. B. kann ich nur bei Trockenheit, Beikraut regulieren nur, wenn der Boden nicht zu schlammig und noch nicht steinhart ist.

Lieber Stauden pflegen oder doch Beikraut regulieren?

Sowohl im Mai als auch im Juni stand ich einige Stunden unter dem Schirm und musste warten, bis der Regen aufhört. Aber auch die Hitze zwang mich zu Pausen, weil die Fläche sich durch eine Mauer und die ausgelegte Beikraut-Folie zusätzlich aufheizt. Da ich nicht auf dem Gelände wohne und noch einen Hauptberuf habe, geht da viel Zeit verloren. So bekomme ich ein Verständnis dafür, warum landwirtschaftliche Arbeit besser mit einem Wohnen vor Ort verknüpft sein sollte.

Wie schon letztes Jahr bin ich außerdem wieder von den Pflanzen »überrannt« worden. Das üppige Wachstum sorgt dafür, dass ich mich regelhaft in einem unauflösbaren Konflikt befinde: Soll ich lieber hier die Beete arrangieren und Jungpflanzen ziehen – eigentlich meine Lieblingsarbeit im Garten – oder doch besser dort die Wucherer im Zaum halten? So kommt es, dass einerseits überall die Disteln blühen, andererseits trotzdem die Stauden wild durcheinanderliegen.

Das hochsommerliche Wetter hat die Pflanzen zudem schneller reifen lassen: Der Wiesensalbei ist schon abgeblüht und will geschnitten sein, damit er remontieren (ein zweites Mal austreiben) kann. Gleichzeitig müssen irgendwo die unzähligen Rispen getrocknet werden, um Saatgut gewinnen zu können. Auch die Witwenblumen und Margeriten haben Unmengen von Samen produziert, die bei trockenem Wetter abgesammelt werden müssen, wenn man nicht tausende von Jungpflanzen im Beet haben möchte, die sich gegenseitig den Platz streitig machen. Eine starke Stunde pro Tag nimmt allein diese Arbeit in Anspruch, Trocknen und späteres Reinigen des Saatguts noch nicht eingerechnet.

Immer mehr Tiere im bunten Blütenmeer

Und dennoch: Trotz aller, vor allem körperlicher Herausforderung ist die Wildblümerey eine einzige Freude. Im wogenden Blütenmeer gibt es jeden Tag neue Aspekte zu entdecken – eine »Augenweiderey«, wie eine Bekannte neulich augenzwinkernd anmerkte. Die Farben und Formen der Blüten und Samenstände sind unvergleichlich (siehe hierzu auch die Fotos von Paul Starosta bzw. sein Buch »Samen. Von der Schönheit des Ursprungs«). Sie erinnern mitunter an bekannte Designobjekte früherer Jahrzehnte, zum Beispiel an die legendären Sputnik-Lampen. Doch wer sich mit Pflanzen beschäftigt, weiß: Alles geklaut, in der Natur stehen die Originale.

Die wachsende Vielfalt macht den Theesener Acker auch zu einem neuen Lebensraum für die Tierwelt. So habe ich mittlerweile sieben Schmetterlingsarten gezählt (darunter den Schwalbenschwanz), während letztes Jahr nur das Tagpfauenauge zu sehen war. Auf den Kornblumen schaukeln derzeit die Stieglitze, um den Samen zu picken. Verrücke ich eine Kiste oder einen Stein, wuseln Laufkäfer, Asseln und Ohrenkneifer davon. Der Boden ist voller Regenwürmer und fetter Käferlarven, und neulich habe ich das schüchterne Zirpen der ersten Grille vernommen. Auch eine Krabbenspinne konnte ich schon beobachten, die sich eine Honigbiene von der Blüte gegriffen hat.

Seit kurzem ist die Wildblümerey außerdem zur Nashornkäfer-Auffangstation geworden, im Wortsinne. Es dauerte ein paar Tage, bis ich verstanden habe, warum diese auffälligen Käfer andauernd in den Blumentöpfen liegen, die an der Mauer gestapelt sind: Offenbar kommen sie aus dem Holzhäcksel-Haufen, den der benachbarte Landschaftsgärtner hinter der Mauer aufgeschoben hat. Bei ihren Spaziergängen auf der Mauerkrone purzeln sie dann einfach auf die andere Seite. Die Herkunft aus dem Häckselgut oder Rindenmulch ist dabei ein Zeichen ihrer Anpassung an die menschliche Ordnungswut, denn ihr ursprünglicher Lebensraum war der Holzmulm, der sich in alten, abgestorbenen Bäumen befindet.

Gefährdete Biodiversität vor Ort

Auch eine weitere Tierart hat ihren ursprünglichen, ganz ähnlichen Lebensraum verloren und tritt nun in Massen auf meiner Fläche auf: die Honigbiene. Da allein die benachbarte Solawi zwei Völker hält und auch in Theesen und Jöllenbeck kräftig geimkert wird, habe ich einen solch regen Zuflug, dass ich seit Mai außer Hummeln, Hornissen, Mauerbienen und den kleinen Löcherbienen keine Wildbienen mehr erkennen kann. Das bedaure ich außerordentlich, denn natürlich soll die Wildblümerey den Wildbienen dienen, und nicht dem Nutztier Honigbiene eine weitere, kostenlose Futterquelle zur Verfügung stellen.

Die Diskussion Wildbiene – Honigbiene wird bundesweit sehr engagiert und emotional geführt, die Fronten sind ähnlich verhärtet wie beim Thema Freigänger-Katzen und Hundekot. Ich habe da eine klare Haltung pro Natur: Meines Erachtens führen die Überpopulationen dieser Tierarten zu einem Ungleichgewicht und zu irreversiblen Schäden in der heimischen Fauna und Flora. Im Fall der Honigbiene ist es die schiere Masse der unnatürlich großen Völker und die mögliche Krankheitsübertragung, die den Wildbienen das Leben schwer macht. Bei den Katzen geht es um Millionen tote Singvögel, Kleinsäuger und Reptilien jedes Jahr. Und bei den Hunden sorgen Abertausende Tonnen Kot dafür, dass Böden und Gewässer verunreinigt werden und die Landschaft ingesamt überdüngt wird.

2000 Quadratmeter Stauden und Blumen

Auch wenn der Imker-Trend der Wildblümerey also einen Strich durch die Rechnung macht – es bleibt die Hoffnung, dass die Fläche dennoch zum Erhalt der Biodiversität beiträgt und viele Menschen mit dem Wildblumen-Virus ansteckt. Zusammen mit dem Blühstreifen vor dem Zaun werden es einmal rund 2000 Quadratmeter Fläche voll mit Stauden und Einjährigen sein. Anders als bei großen Anbauflächen zur Blüten- oder Samengewinnung wird hier nicht maschinell geerntet, sodass die Insekten eine viel größere Überlebenschance haben.

Ein Erfolg wäre es, wenn durch spezielle Pflanzenangebote auch Spezialistinnen unter den Wildbienen sich ansiedeln würden. So sind mittlerweile sieben Glockenblumen-Arten auf der Fläche vertreten und einige Pflanzen aus der äußerst hilfreichen Liste von Wildbienen-Spezialist Paul Westrich. Es gehört außerdem zur Philosophie der Wildblümerey, dass nur die nötigsten Arbeiten getan werden, um Boden- und Pflanzenleben nicht zu stören. Natürlich sind das Ausgraben der Stauden, das Arrangement der Beete und der Rückschnitt ein erheblicher Eingriff. Da dies aber immer nur an einigen Stellen auf der großen Fläche erfolgt, hoffe ich unter dem Strich auf einen ökologischen Zugewinn.

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