Nacktschnecken-Thema gelöst?

Reine lilafarbene Blüten sprießen zu mehreren aus den Blattachseln mit großen, ledrigen Blättern.
Dass diese Knäuel-Glockenblume überhaupt zur Blüte gekommen ist und seit einer Woche unangetastet bleibt, ist dem neuen Schneckenkorn zu verdanken. Es ist höher dosiert, aber trotzdem für den Bio-Anbau zugelassen.

Vor zwei Wochen, vor dem letzten Dauerregen, haben wir kurzen Prozess gemacht. Wir, das ist die Wildblümerey einerseits und die private Gemüsetruppe andererseits, mit der ich mir seit kurzem das Gelände teile. Unsere Anbauflächen wurden nach der Warmphase im April von Nacktschnecken aller Größen regelrecht überrannt, sodass wir uns nach tagelangem, erfolglosem Absammeln für Schneckenkorn entschieden haben. Entscheiden mussten, wie ich finde, und zwar in letzter Minute.

Schneckenplage im Frühjahr – mal wieder

Schon waren die Lieblings-Opfer der fiesen Schleimer wieder bis auf den Stumpf abgenagt: Berg-Lauch, Knäuel-Glockenblume, Rundblättrige Glockenblume oder Zier-Lauch. Aber auch die Witwenblumen oder das Katzenpfötchen mussten dieses Jahr dran glauben. Ohnmacht, Wut und Verzweiflung überfällt da die Gärtnerin, gerade wenn sie die Kleinen über Monate gepäppelt und ihr Wachstum hoffnungsfroh begleitet hat. Ganz abgesehen davon, dass die Kund*innen in den Schau-Beeten natürlich auch 'was zum Schauen haben wollen – außer Gras.

Mit dem Schneckenkorn scheint die Verzweiflung aktuell Geschichte zu sein. Einmal großflächig gestreut, stellen sich seit einer Woche geradezu träumerische Verhältnisse ein. Zum letzten Mal 2021 hatte ich Keimlinge in den Beeten entdeckt, die keine Gräser oder Löwenzähne waren. Zum letzten Mal 2021 konnte sich die Knäuel-Glockenblume länger als eine Woche halten. Schon fast vergessen hatte ich, wie blühfreudig und prächtig die Wildblümerey gestartet war – damals, als es noch keine Schnecken gab.

Schneckenkorn als »Gamechanger«

Das Schneckenkorn kann man deshalb neudeutsch durchaus als Gamechanger bezeichnen. Und das vor allem aus einem Grund, so scheint mir: Es ist diesmal nicht das klassische Produkt mit 10 g/kg Eisen(III)-Phosphat, sondern ein Mittel mit höherer Dosierung, nämlich rund 30 g/kg. Außerdem sind die Pellets kleiner. Aus verschiedenen Diskussionen in verschiedenen Gartenforen hatte ich den Schluss gezogen, dass damit auch kleinere Schnecken erreicht werden bzw. genug von dem Wirkstoff aufnehmen. Die Dosis macht hier offenbar das Gift.

Auch musste ich feststellen, dass ich immer wieder zu spät dran bin. Gerade die Rotbraune Wegschnecke kriecht schon ab Temperaturen um 0 Grad, und das bedeutet in milden Wintern quasi ganzjährig. Jungtiere schlüpfen im Herbst oder im frühen Frühjahr. Es lohnt sich also, rechtzeitig und gleichzeitig hochdosiert zu streuen, allerdings ist dann insgesamt weniger Schneckenkorn nötig. Auch sollte man nicht den Fehler machen, nur um die betroffenen Pflanzen herum zu streuen.

Wer das Blog hier verfolgt, weiß, dass mir die Entscheidung zu dieser mörderischen Aktion nicht leichtgefallen ist. Auf der Gegenseite stehen für mich allerdings Hunderte oder Tausende von Insekten, die von den nicht gefressenen Blüten profitieren. Sind die Blüten – eine Leibspeise der Schnecken – erstmal weg, können sich die Pflanzen auch nicht mehr aussamen. Würde ich die Nacktschnecken gewähren lassen, gäbe es hier also noch weniger Artenvielfalt als in der (umgebenden) Agrar-Landschaft sowieso schon vorhanden ist.

Das »Aber«

Kein Handeln ist ohne Folgen, auch nicht beim Schneckenkorn. Eisen(III)-Phosphat ist zwar im Bio-Anbau zugelassen und soll weniger Tiere schädigen als Metaldehyd. (Leider sind immer noch Produkte mit Metaldehyd erhältlich, obwohl sie seit März 2022 für den Privatgebrauch verboten sind.) Dazu eine interessante Nachfrage im Neudorff-Forum, außerdem eine Diskussion über die Höhe der Dosierung.

Dennoch gibt es auch hier kritische Stimmen wie etwa die österreichische Naturgarten-Bewegung »Natur im Garten« oder das UBA. Alexander Böckman listet auf seiner Schneckenhilfe-Seite verschiedene Studien, die über die Auswirkungen auf Regenwürmer berichten. Allerdings sind die Studien widersprüchlich und die in der Kritik stehende Substanz EDTA – die den Eisenkomplex überhaupt erst zum Gift macht – scheint nicht mehr verwendet zu werden (Neudorff-Forum 2021).

Bemerkenswert ist, dass neben Vögeln und Mäusen offenbar auch Regenwürmer die Schneckenkörner fressen. Eine Studie von 2012 fand heraus, dass etwa die Hälfte der Körner aus diesem Grund nach zweieinhalb Tagen verschwunden war. Ein beobachteter Regenwurm fraß innerhalb einer Stunde gleich drei dieser Körner.

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