Gedanken zum »Wal-Drama« in der Ostsee

Gesunder Buckelwal. Fotocredit s.u.

Seit über einer Woche verfolgen Menschen weltweit den Überlebenskampf eines Buckelwals in der Ostsee. Zahlreiche Medien berichten via Live-Ticker, Umweltorganisationen geben tägliche Status-Updates auf Social Media. Die Verantwortlichen vor Ort – Umweltministerium, Meeresmuseum und Greenpeace – wollen die Hoffnung nicht aufgeben. Aber warum eigentlich? Und für wen und für was ist das gut?

Ist das verzweifelte Herumirren des Wals von Sandbank zu Sandbank nicht schon längst ein Todeskampf, und zwar spätestens von dem Moment an, als er in Timmendorfer Strand auflief? Schließlich war er schon Anfang März erstmals vor Wismar gesichtet worden, eingewickelt in Fischernetze. Und schon da hatte Sea Shepherd seinen schlechten Gesundheitszustand festgestellt und ihm keine gute Prognose gegeben.

In all den Wochen hatte er sich nicht festgeschwommen, wurde fast täglich an einem anderen Ort in der Mecklenburger Bucht gesichtet. Nun allerdings scheinen die Kräfte erschöpft zu sein. Nach Ansicht von Experten ist das Auflaufen ein deutliches Anzeichen dafür, dass Wale krank, orientierungslos oder geschwächt sind. Warum also sollte die Chance, zurück in die Nordsee zu finden, in diesem Zustand besser sein als vor vier Wochen?

Empathie vs. Aktivismus

Dennoch werden die Verantwortlichen seit Tagen nicht müde, die Hoffnung zu nähren – ihre eigene und die von zahlreichen Menschen weltweit. Ihr Engagement ist glaubwürdig, ihr Einsatz kennt keinen Feierabend, und sowohl Minister Till Backhaus als auch Greenpeace-Vertreter Thilo Maack zeigen sich bei einer Pressekonferenz deutlich berührt.

Tier- und Naturschutz sind ohne Emotionen nicht denkbar, sie sind Zeugnisse unserer Empathie. Aber ist es hilfreich, wenn Emotionen in Aktivismus resultieren, der dem Tier nicht eindeutig von Nutzen ist? Ist es hilfreich, wenn Medien jeden Flossenschlag des Wals als Zeichen der Besserung deuten und damit den nächsten Cliffhanger produzieren?

Hass und Hetze im Netz

Der Umgang mit dem »Wal-Drama« spiegelt unser gestörtes Verhältnis zur Natur wider. Es ist eher ein »Menschen-Drama«, das sich da ereignet, im Netz fand schnell die übliche Spaltung statt. Den einen ist es zu wenig Hilfe für das erschöpfte Tier, sie rufen sektenartig nach einem bekannten Influencer, der als einziger den Wal »retten« können soll. Die anderen beklagen die hohen Kosten für die Rettungsaktion oder unken, es gehe allein um die Bereinigung der Strände vor den Oster-Feiertagen, also vor dem erwarteten touristischen Ansturm. Alle Seiten üben schwere Kritik an den Verantwortlichen, beschimpfen und bedrohen sie in den »sozialen« Medien.

Meiner Meinung nach ist die öffentliche Reaktion auch eine Folge der inkonsistenten Öffentlichkeitsarbeit. Verantwortliche und Medien schicken die Bevölkerung nun seit Tagen auf eine Achterbahn der Gefühle: Er kann es schaffen, er wird es vermutlich nicht schaffen, er will ja und wir unterstützen ihn, wir halten ihn vom Flachwasser weg, er lässt sich nicht abhalten, wir begleiten ihn in die Nordsee, er lässt sich nicht begleiten ... Eventuell ist es ihre eigene Achterbahn, sehr offen kommunizieren die Helfer*innen ihre Hoffungen und Zweifel. Aber diese Strategie ist heutzutage gefährlich und wird nicht mit Empathie beantwortet, sondern als Unvermögen gewertet.

Was genau ist passiert, um dem Wal zu helfen?

  • Ab Anfang März bemühten sich Sea Shepherd und die örtliche Feuerwehr in mehreren Einsätzen, die Stellnetze und Leinen zu entfernen, in denen sich der Wal verfangen hatte.1 Dies ist eindeutig unterstützend, denn nur so konnte sich das Tier wieder normal fortbewegen. Die Arbeiten wurden bei Widerstand des Wals sofort abgebrochen.
  • In Timmendorfer Strand wurde schweres Gerät eingesetzt, um dem Wal eine Rinne zu graben, da er auf einer Sandbank auflag. Die guten Absichten sind nachvollziehbar, allerdings sind Unterwasser-Lärm und Grabearbeiten direkt neben dem Kopf eine extreme Belastung für das Tier. Mehrmals wurde es unnötigerweise mit der Baggerschaufel »angestupst«.
  • An allen Tagen vor Wismar, Walfisch und nun Poel fuhren Boote der Helfer*innen mehrmals an den Wal heran, obwohl man gesagt hatte, man wolle ihm Ruhe gönnen. Auch motorisierte Boote der Küstenwache und der Polizei waren unterwegs. Dies bedeutet enormen Stress für das Tier.
  • Um den Wal in Wismar »sanft zu mobilisieren«, fuhr ein Motorboot eine Stunde lang vor seinem Kopf im Kreis herum, vorher hatte man mit Paddeln aufs Wasser geschlagen. Diese Aktionen waren Gift für das erschöpfte Tier, die offizielle Wortwahl dazu ist beschämend und reiner Euphemismus. Die Medien haben diese Mär einfach nachgeplappert.2

Was hätte ich mir stattdessen gewünscht?

  • Dass die Verantwortlichen – im Sinne des Wu Wei-Prinzips – das Förderliche tun und das Schädigende unterlassen. Zum Beispiel:
  • dem Wal absolute Ruhe geben, um herauszufinden, ob er überhaupt noch alleine und ohne Zwang losschwimmen kann oder will.
  • die Bevölkerung von Anfang an auf seinen nahenden Tod vorbereiten und seinen Gesundheitszustand besser erklären.
  • ihn vor der Sonne schützen und die Möwen davon abhalten, Stücke aus seinem Rücken zu picken, vielleicht mit einer Art nasser Decke.
  • also alles, was dem intelligenten, leidenden Tier die Entscheidung über sein eigenes Leben belässt und ihm das Sterben erleichtert.

Viele Medien sind nicht hilfreich

Als Journalistin schäme ich mich bei solchen Ereignissen auch immer wieder für meine eigene Zunft. Zum Großteil erleben wir hier mal wieder Verlautbarungs-Journalismus, das heißt, kaum ein Medium macht sich die Mühe, außerhalb von Pressekonferenzen weitere Recherchen zu betreiben, weitere Meinungen einzuholen und etwa Hintergründe zur Bedrohung von Meeressäugern in der Ostsee zu liefern, vor allem durch Geister- und Stellnetze.

Unverzeihlich ist die weitere Emotionalisierung der Geschichte durch die Namensgebung für den Wal. Gleich drei verschiedene Namen konkurrieren um den Niedlichkeitspreis. Dies zeugt nicht nur von Realitätsferne und Übergriffigkeit, sondern zeigt, dass der Mensch die Natur offenbar nur ertragen kann, wenn er sie einordnet und unterordnet. Aber Wildtiere sind keine Haustiere. Sie brauchen keine Namen, um Bedeutung zu erlangen, um zum Subjekt zu werden. Sie existieren »an sich« und haben Würde »an sich« auch ohne Erlaubnis des Menschen.

Ein unschöner Nebeneffekt dieser Benamung könnte sein, dass wir »Timmy« (oder Finn oder Oskar oder Hope) jetzt zwar ganz doll helfen wollen, nach dessen Tod aber wieder zur Tagesordnung übergehen, obwohl jedes Jahr Hunderttausende unbekannte Meeressäuger durch unseren, den menschlichen Einfluss elendig zu Grunde gehen.

Und was hat das jetzt alles mit Wildstauden zu tun?

Sehr viel, denn alles hängt mit allem zusammen. Hier wie da geht es um die Erhaltung von Naturräumen und Nahrungsquellen, um den bedrohten Wildtieren das Überleben zu ermöglichen. Es geht um die Wertschätzung des Tieres als Mitbewohner auf dem Planeten, unabhängig davon, ob man es knuddeln, essen oder anderweitig verarbeiten kann. Ob nun ein 15 Tonnen schwerer Wal oder eine fünf Millimeter große Wildbiene: Sie alle sind Teil des Ganzen und nicht weniger wert als wir. Wenn sie weg sind, folgen wir bald nach.

In diesem Sinne betreibe ich auch meine kleine Wildstauden-Gärtnerei. Sie selbst liegt zwar inmitten von Äckern und weist nur eine sehr eingeschränkte Arten-Vielfalt auf. Doch die angezogenen Wildpflanzen gehen in zahlreiche Gärten und nutzen da den Insekten, die dann in Folge die größeren Tiere ernähren. Schon jetzt gelten Städte als Hotspots der Biodiversität. Beim BfN ist zu lesen, dass die Summe aller Gärten in der Bundesrepublik eine Fläche von rund einer Million Hektar ergibt. Das ist etwa ein Drittel der Fläche aller Naturschutzgebiete. Man stelle sich vor: All diese Gärten wären Naturgärten. Was für ein riesiges vernetztes Biotop daraus entstehen könnte...

Glaube ich daran, dass wir die Erde, so wie sie ist, noch retten können? – Nein. Ich bin überzeugt davon, dass der Mensch nicht eher ruhen wird, bis er diesen schönen Planeten zerstört hat. Bis er den Ast abgesägt hat, auf dem er sitzt. Aber bis es soweit ist, bis zum Point of no return, können wir im Kleinen etwas tun – statt nichts zu tun. Etwa unsere Gärten durch heimische Pflanzen zur Heimat von Wildtieren machen. Oder: Die Ostsee renaturieren, die Stellnetze und Geisternetze entfernen und moderne Fischerei-Methoden wählen, die den Beifang reduzieren.

Es ist sogar noch einfacher, die Welt zu verbessern, denn manchmal muss man gar nichts tun, sondern einfach nur etwas lassen. Vielleicht sollte sich eine Marketingagentur oder ein Influencer mal genau darauf spezialisieren, auf das Lassen.

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Update 03.04.2026: Wie Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus heute bekanntgab, haben Helfer*innen dieser Tage sogar Morddrohungen erhalten. Darunter geht es offenbar nicht mehr, wenn Menschen enttäuscht sind oder etwas erzwingen wollen. Backhaus ist nach wie vor im Einsatz für den Wal und stellte sich auf der Mini-Demo in Wismar den aufgebrachten Kritiker*innen, ohne Security.

Der Wal wird derzeit alle drei Stunden von der Feuerwehr besprüht, da sein Rücken in der Sonne liegt. Einen Sonnenschutz hätte ich ihm schon in Timmendorfer Strand gewünscht, denn vielleicht ist der starke Sonnenbrand ein weiterer Grund für die Schwächung des Tieres. Und auch dass die Haut auf dem Rücken mittlerweile schwarz ist und abfällt, könnte ja mit der Sonne zu tun haben.

 


1 Die Ostsee ist voll mit diesen Netzen, und jedes Jahr sterben tausende von Seevögeln und Meerestieren darin als »Beifang«. Darunter auch der gefährdete Schweinswal, der einzige heimische Wal der Ostsee.

2 Die Verantwortlichen selbst hatten erläutert, dass allein die Annäherung von Booten schon Stress für das Wildtier sei. Das hat sie nicht davon abgehalten, ständig zum Wal hinauszufahren. Bei gezieltem Lärmstress dann von "sanfter Motivation" zu sprechen, klingt mir doch stark nach schwarzer Pädagogik. Schlechtestenfalls ist der Wal immer wieder geflüchtet, weil er Angst hatte und nicht zur Ruhe kam.

 
Foto: Charles J. Sharp creator QS:P170,Q54800218, Humpback whale (Megaptera novaeangliae) calf Moorea 2, CC BY-SA 4.0


Weiterführende Informationen:

sea-shepherd.de/news/buckelwal-an-der-ostsee-rettungsversuche-und-herausforderungen

faz.net/aktuell/gesellschaft/tiere/warum-strandet-der-buckelwal-in-der-ostsee-so-oft-ein-biologe-im-interview-accg-200682612.html

youtube.com/watch?v=Kl6_bKsWlKw (Welt Nachrichten: Walforscher im Interview)

taz.de/Buckelwal-in-der-Ostsee/!6167017

greenpeace.de/biodiversitaet/meere/meeresschutz/irrwegen

schleswig-holstein.nabu.de/natur-und-landschaft/aktionen-und-projekte/stellnetzfischerei/index.html

ardmediathek.de/video/Y3JpZDovL25kci5kZS9wcm9wbGFuXzE5NjMxNjk0MF9nYW56ZVNlbmR1bmc (Müllkippe Nord- und Ostsee, Doku)

umweltbundesamt.de/themen/zustandsbericht-veroeffentlicht-ostsee-weiterhin

youtube.com/watch?v=sWAqMBI73fE (Quarks: Insektensterben – Was wir tun können)