Das wahre Gold der Erde

Saatgut-Reinigung: Kleine Grundausstattung mit Sieben, Lupe, Pinzette und Pinsel, um den Staub aus den Gefäßen zu streichen.

In der kalten Jahreszeit fließt die Zeit in den Draußen-Berufen etwas langsamer. Die Vegetation kommt zur Ruhe, und mit ihr Tier und Mensch. Es ist die klassische Zeit, um Liegengebliebenes zu erledigen – und dazu gehört auch, das Saatgut zu versorgen, das im Sommer von den Pflanzen abgesammelt wurde und seitdem in Kisten, Töpfen, Schalen und Schachteln auf die Endreinigung wartet.

»Aufbereitung« nennt die Fachwelt den komplexen und mühsamen Prozess, die kleinen Wildblumensamen von Blüten- und Stengelresten, von Staub und vertrockneten Kleinstinsekten zu trennen. Findig, wie der Mensch nun einmal ist, hat er dafür allerlei erstaunliche Maschinen entwickelt. Sie heißen Trieur oder Windsichter und kosten schnell mehrere tausend Euro. Aber natürlich wird Saatgut nach wie vor auch von Hand gereinigt. Oft tut es ein Mehlsieb und ein bisschen Puste, um erste passable Ergebnisse zu erzielen.

Samen ernten

Aber gehen wir noch kurz einen Schritt zurück. Vor der Reinigung kommt nämlich das Absammeln, und auch da gibt es schon einiges zu beachten. Typisch für Wildpflanzen ist zum Beispiel, dass die Samen oft zeitversetzt reifen, weil die Stauden über Wochen hinweg blühen. Da heißt es, immer wieder durch die Beete zu gehen und fleißig von Hand abzuernten.

Der Zeitpunkt sollte auch mit Blick auf das Wetter gut gewählt sein, damit die Samenstände möglichst trocken heimgebracht werden können. Regen bringt Schimmelgefahr, Wind und Sommerwärme dagegen sind ideal. Die klassische Trockung in aufgespannten Bettlaken auf dem unisolierten Dachboden stellt diese Wetterlage nach. Bei kleineren Mengen tun es auch Siebe, Baumwollbeutel oder Pappkartons in einem gut gelüfteten Raum in der Wohnung. Ein paar Silica-Gel-Beutelchen dazu, jeden Tag wenden, und das Saatgut ist außer Gefahr.

Saatgut vorreinigen

Nun geht es darum, die kleinen Körnchen aus der groben Beistreu zu fischen und dafür die richtige Methode zu finden. Samen sind so bunt und vielfältig wie die Menschen, und nicht alles passt für alle. Da gibt es große und kleine, schwere und leichte, kugelige, platte, nieren- und spindelförmige, und auch solche mit Haaren oder Bürzel, mit Wimpern oder Schwänzchen. Manche sind so groß, dass man sie mit den Fingern sortieren kann (Saat-Esparsette), andere wie staubfeiner Sand und ohne Lupe nicht zu erkennen (Glockenblumen, Fingerhut).

Wurde vorher gedroschen (z. B. von Hand mit einem Besenstiel auf einen Bettbezug geschlagen), ist besonders viel grobes Material vohanden, das zuerst mit einem großen Sieb aussortiert werden muss (Staubmaske tragen!). Ich verzichte nach Möglichkeit auf das Dreschen und ernte bevorzugt Samen, die sich von selbst lösen oder durch Schütteln am Boden eines Gefäßes sammeln. Bei der Jungfer im Grünen mache ich eine Ausnahme, da sie einfach eine besonders hübsche Pflanze ist.

Das richtige Sieb finden

Im zweiten Gang wird in der Regel »ausgeblasen« oder stufenweise die Maschenweite der Siebe herauf- bzw. herabgesetzt. Beim Ausblasen wird die Schale oder das Sieb leicht schräg gehalten und nach und nach das leichte Material über den Rand befördert, während die schwereren Samenkörner liegenbleiben. Das klappt sogar bei Glockenblumen-Samen. Beim Sieben mit sehr engen Maschen fällt nur der Staub nach unten, während das Saatgut auf dem Sieb verbleibt. Bei Maschen, die exakt auf das Saatgut passen, bleiben alle gröberen Bestandteile auf dem Sieb liegen. Bleibt wiederum das Saatgut »gerade so« auf dem Sieb liegen, fallen hohle und zu kleine Samen durch.

In der professionellen Saatgut-Aufbereitung gibt es jede Menge weiterer Tricks, die im privaten Bereich nicht nachzustellen sind, so das Erkennen der Samen nach Farbe oder die Sichtung von Länge oder Form mittels Fotozellen. Rüttel- und Rollensiebe, magnetische und pneumatische Verfahren sowie ausgeklügelte Windsichter lassen kaum noch Fremdmaterial übrig, sodass mit Reinheiten von 99,5% geworben wird.

Das Wunder der Natur

Die Natur freilich, die braucht keine Siebe und auch keine Aussatkalender. Die wirft seit Jahrmillionen ihre Samen in die Landschaft und hat das immer ganz gut ohne uns hinbekommen. Vertrauen Sie also ruhig den Pflanzen in Ihrem Garten, lassen Sie die Samenstände im Herbst stehen und freuen Sie sich im Frühling über den Nachwuchs. Im Winterhalbjahr haben Kälte und Feuchtigkeit zuverlässig die Schalen aufgeweicht.

Wenn man überlegt, welche Kraft diese kleinen Körnchen in ihrer schützenden Hülle bergen, müsste man eigentlich jedes einzelne ehrfürchtig lobpreisen. Denn in Zusammenarbeit mit den Insekten tun sie nicht weniger als die Welt und damit uns am Leben zu erhalten. Wenn Samen nicht so unglaublich robust wären, wenn sie nicht die Fähigkeit hätten, jahrzehntelang keimfähig zu bleiben und sogar Naturgewalten wie Feuer, Eis und Wasser zu trotzen, dann hätten wir sie mit Sicherheit schon längst kleingekriegt und die Erde wäre ein unwirtlicher Platz für uns.

Dieses Wunder – und noch viele andere aus der belebten Natur – hat der Biologe und Fotograf Paul Starosta in unnachahmlichen Bildern festgehalten: www.paulstarosta.com.

Links zu Samen und Saatgut-Aufbereitung

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