Beikraut und Schnecken, Schnecken und Beikraut

Pflanze mit vielen weißen Blüten und mindestens acht Nacktschnecken.
Das ist eher noch ein gemäßigter Befall, nach Regen hängen an der Weißen Lichtnelke etwa 30% mehr Tiere.

Zwei Monate sind seit dem letzten Eintrag vergangen, und es ist kein Wunder: Die Saison hat mich mal wieder überrollt. Jede Gärtnerei kann ein Lied davon singen. Im Frühjahr fallen alle nur denkbaren Arbeiten gleichzeitig an, die Pflanzen wachsen wie verrückt, das Beikraut und die Schädlinge aber auch. Mein einziger Vorteil ist, dass sich Kundschaft noch sehr spärlich einfindet. Mein großer Nachteil ist, dass ich die Pflanzen wild wachsen lasse.

Immer mehr gewinne ich ein Verständnis dafür, warum Gärtnereien mit Bändchengewebe, Tischen, Töpfen und Folientunnel arbeiten. Denn es ist einfach nicht leist- und bezahlbar, ständig zu jäten oder gegen Schadinsekten anzukämpfen und die eigentlichen Arbeiten zu vernachlässigen. Doch natürlich ist es keine Option für mich, rund 1000 Quadratmeter gesunden, lebendigen Bodens zu versiegeln, da könnte ich auch gleich auf einem Supermarkt-Parkplatz gärtnern. Außerdem kostet das Gewebe eine Stange Geld und bringt nach und nach Mikroplastik in den Boden.

Die einzige Alternative wäre wohl ein »Garten in Balance«, aber dafür müsste er so weit offen sein, dass Nützlinge und Schädlinge aus- und einwandern können. Auch wären große Stein-und Holzhaufen sowie ein Teich erforderlich, damit sich Helferlein wie Kröten, Eidechsen, Käfer oder Blindschleichen ansiedeln. Zudem müssten die Katzen vergrämt werden, damit sie diese Helferlein nicht gleich wieder umbringen.

Schneckeninvasion nach mildem Winter

Das eigentliche Problem 2022 ist wahrscheinlich eine Folge dieser Dysbalance und hat zusätzlich direkt mit dem Wetter zu tun. Zwei lange trockene Phasen im Frühjahr nach einem nassen Winter, danach zwei »Starkregen-Ereignisse« und hohe Temperaturen, seitdem immer mal wieder Regen, gefolgt von sonniger Schwüle. Wer davon prächtig profitiert hat, ist weder in Gärtnereien noch in Hausgärten gern gesehen: die Nacktschnecke und hier insbesondere die Spanische Wegschnecke, die mittlerweile Große Wegschnecke heißt, weil sie gar nicht aus Spanien kommt.

Diese fiesen roten Schleimer treten seit einigen Wochen in Massen auf und verschonen so gut wie nichts. Auch die NachbarInnen und GärtnerInnen auf Instagram stöhnen. In der Wildblümerey kann ich nur wenige Pflanzen nennen, die nicht belästigt werden. Sogar Natternkopf und Schafgarbe werden abgeraspelt, dazu Thymian, Oregano, Salbei, Ysop und Estragon. Als Erstes waren Taubenkropf-Leimkraut und verschiedene Glockenblumen dran.

Wenn ich abends am Blühstreifen vorbei nach Hause radele, hängen auch dort die Pflanzen voll wie die Weihnachtsbäume. Dasselbe Bild bietet sich im angrenzenden Feld, wo Eigentümer Jobst Brockmeyer Gründüngung ausgesät hat. Selbst die Durchwachsene Silphie auf dem Acker gegenüber wird nicht in Ruhe gelassen. Die Folge sind Wuchsdepression und schließlich Absterben der Pflanze. Wenn eine derartige Überpopulation auftritt, werden die Schnecken – gezwungenermaßen – auch immer weniger wählerisch.

Die meisten Ansaaten sind nicht gekommen

Auffällig fand ich, dass die Schneckeninvasion schon vor den beiden Starkregen begonnen hatte, also mitten in der Trockenphase. Das spricht erneut für die Zähigkeit der Großen Wegschnecke, die mit Trockenheit kaum Probleme hat und auch deshalb so dominant geworden ist. Da sie in Mitteleuropa heimisch ist, darf ihre extreme Vermehrung vermutlich den Folgen menschlichen Tuns zugerechnet werden, also industrielle Landwirtschaft, sterile Gärten, Verminderung der Artenvielfalt, Klimawandel.

Doch nicht nur in der Landwirtschaft und in den Hausgärten, auch in der Wildblümerey sind die wirtschaftlichen Schäden im Verhältnis enorm. Ich gehe davon aus, dass die Schnecken viele Aussaaten vernichtet haben, sowohl in den Beeten als auch in den Multitopfplatten. Leider ist es mir zu spät aufgefallen, da ich Vlies über die Saaten gelegt hatte. Bewusst wurde mir das erst, als ich ein paar kleine Wald-Glockenblumen keimen sah, die ein paar Tage später aber plötzlich verschwunden waren.

Rund 40 neue Arten – leider erst 2023

Eine Rolle spielte zwar auch die Anzucht im Freien. In den Topfplatten hatte sich die Erde trotz Vlies doch stark verdichtet, und das ist mit Sicherheit nicht jedem Keimling gut bekommen. Da in den Beeten und unter dem Tisch jedoch ebenfalls keine Saaten aufgingen – ganz im Gegensatz zu 2021 – tippe ich vor allem auf Schnecken. Überlebt hat einzig der Wermut, der nach dem Auspflanzen aber nun im Beet angegriffen wird.

All die Arten, die für 2022 geplant waren und auf die ich mich schon gefreut hatte, muss ich nun auf 2023 verschieben. Rund 40 waren es an der Zahl. Wie und wo ich die ab Herbst anziehen soll, ist mir im Moment noch ein Rätsel, denn ich habe keine geschützten Flächen. Auf der Fensterbank zu Hause ist es einfach zu warm und zu dunkel, sodass die Pflanzen schnell vergeilen. Vielleicht wird es eine Lösung mit Tischen und Plastikhauben.

Schnecken eindämmen, aber wie?

Wie bin ich nun vorgegangen, um die Invasion in den Griff zu bekommen? – Nun, die ersten Tage habe ich fleißig abgesammelt und die Tiere an anderer Stelle wieder ausgesetzt. Das war 1. physisch und psychisch nicht mehr machbar, da ich vor 21 Uhr nicht von der Fläche kam, in Folge nicht mehr einkaufen konnte und abends somit auch nichts zu essen hatte. Das passiert mir zeitweise immer noch, erst heute Nacht zum Beispiel habe ich von Schnecken geträumt, sie haben sich sogar an meinen Zimmerpflanzen vergriffen. Kein Scherz.

2. hatte ich gelesen, dass Schnecken sehr ortstreu sind und sowieso wieder zurückkehren. Ich habe meine Gedanken über die Tierrechte von Mollusken also über Bord geworfen und mich über Schneckenkorn belesen. Mit diesen hellblauen "Bio"-Kügelchen konnte ich dann die erste Welle aufhalten und meinen Staudenlein, die Wiesen-Glockenblumen und das Leimkraut retten.

Allerdings musste ich bald feststellen, dass die fleißigen Schleimer nicht so wählerisch sind wie oft behauptet. Nahezu alle Beete waren betroffen, ich streute also weiträumiger und immer dann, wenn ich den Eindruck hatte, der Befallsdruck nimmt wieder zu. Ja, ich habe auch Schnecken zerschnitten, mit dem Hintergedanken, dass dann Artgenossen angelockt und von den Blumen weggelockt werden. Das hat aber nur bedingt funktioniert, die meisten krochen an ihren toten Kameraden vorbei.

Bierfalle – warum nicht?

Da das wechselfeuchte Wetter nicht enden will und sowohl meine Fläche als auch der Blühstreifen und die angrenzenden Äcker immer noch voller (vermehrungswilliger) Tiere sind, habe ich mir nun noch eine weitere Strategie überlegt. Ich weiß, dass Bierfallen umstritten sind, weil sie Tiere aus einem Umkreis von rund hundert Metern anlocken. Genau das will ich mir aber zunutze machen, um die Schnecken von der Fläche weg zu locken.

Ich werde also an jeder Ecke der Wildblümerey eine Bierfalle aufstellen und sie zusätzlich noch mit Schneckenkorn bestücken, da nicht alle Tiere in der Falle landen bzw. viele auch wieder herauskriechen. An den Eimern wird es wahrscheinlich sowieso zu Gedränge kommen wie bei der Neueröffnung eines Apple-Stores. Die toten Schnecken werde ich dann in eine Grube kippen, um dadurch zusätzlich Kameraden anzulocken und alle zusammen später zu beerdigen.

Wir schauen letztlich in den Spiegel

Das klingt gruselig beim Schreiben und ich bin mir bewusst, welches Massaker ich da anrichte. Gleichzeitig weiß ich mir keine andere Hilfe mehr. Die Balance in dieser Agrar-Landschaft ist schon lange gestört. Und da ich nur auf Zeit hier gärtnere – nämlich solange, bis die Solawi weiterwächst und meine Fläche braucht – kann ich nicht wirklich eine Population aus natürlichen Fressfeinden aufbauen. Dafür brauchte es ein Zusammenspiel aller Akteure, Weitblick und die Überwindung egoistischer Interessen.

Auch wenn ich jeden Abend aufs Neue verzweifle, während ich meinen »Schnecken-Kontrollgang« mache, ist mir klar: Als Vertreterin einer gewissen Spezies darf ich mir an die eigene Nase fassen. Ob Nacktschnecken, Heuschrecken, Kartoffelkäfer, Blattläuse oder Buchsbaum-Zünsler – diese Tiere halten uns den Spiegel vor, denn wir sind genauso. Wir vermehren uns ungebremst und fressen der Erde die Haare vom Kopf. Dass wir uns so vor den anderen Schädlingen ekeln, ist einfach nur eine psychologische Abwehrreaktion, eine Projektion. Dabei sind wir noch schlimmer, denn wir reißen alle anderen mit in den Tod und nennen das Fortschritt.

Das Thema Schnecken ist jedenfalls unerschöpflich, das zeigen auch die vielen Beiträge im Netz, bei YouTube oder in Garten-Foren. Einen möchte ich herausgreifen, weil seine Verfasserin immer sehr kenntnisreich und humorvoll über ihre Recherchen aus dem eigenen Garten berichtet: »Tschüss, ihr Schleimer! Erfolgreich zum schneckenarmen Garten« vom Landei.

 

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